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Sie sind hier: Home » Unterwegs » Frau auf Reisen am 27.05.2017



 

       4. Mrz 2014

Die Verwandlung des Vertrieblers Gregor S.

Als der Vertriebler Gregor S. eines Morgens aus unruhigem Grübeln auf dem Weg zur Arbeit im Stau aufschreckte, fand er sein Auto in ein ungeheures Chaos verwandelt. Auf dem Beifahrersitz stapelten sich verschmierte Pizza-Packungen, eingebettet in Reste von zerrissenem Geschenkpapier und Sushi-Kartons, zwischen denen sich Konfettigirlanden bogenförmig in die rückwärtigen Teile des Fahrzeugs schlängelten.

Was ist hier geschehen, dachte er. Es war kein Traum. Er saß in seinem eigenen Auto, das ihm mittlerweile ein wenig zu klein geworden war, er betätigte Bremse, Kupplung, Gaspedal und bewegte sich zäh wie jeden Morgen auf die Bürotürme seines Arbeitgebers zu. Im Kofferraum würde er die Musterkollektion von Festplattenplatinen vorfinden und am Armaturenbrett klebte das Foto, das er vor Kurzem bei Sonnenschein in einem Waldcafé geschossen hatte. Es zeigte eine junge Frau in Sommerkleid und keckem Hütchen, die dem Betrachter einen herausfordernden Blick zuwarf.

Gregors Blick richtete sich auf die Frontscheibe, gegen die in trübem Rhythmus Regentropfen schlugen. Melancholisch wanderten seine Gedanken wenige Tage zurück, als er noch ein anderer Mensch war; als er sich für den glücklichsten Menschen der Welt hielt.

Und dafür war die Frau auf dem Foto verantwortlich, Sabrina, die zu seinem Lebensinhalt geworden war, seit er sie kennengelernt hatte. Sie hatte die Verwandlung herbeigeführt, unter der er nun litt, seit er das erste Mal in ihr Auto stieg, ein schickes Cabriolet. Es stand in einer dunklen Gasse, er hatte sein Gesicht ganz unauffindbar zu ihrer Brust gesenkt, sie flüsterte ihm Liebesworte ins Ohr, und er hob schnuppernd die Nase, als ihn plötzlich ein unangenehmer Geruch anwehte. Hatte sie neben vollen Mülltonnen geparkt? Rasch sorgte der Fahrtwind der lauen Sommernacht für Abhilfe, und berauscht von ihrer Nähe und einer Flasche besten Burgunders ließ er sich vom Auto in ihr Schlafgemach ziehen, wo ihn die köstlichste Nacht aller Zeiten erwartete.

Dann graute der Morgen. Sabrina schlief in wohliger Erschöpfung, er aber fand in der Küche das Frühstücksgeschirr überreich auf dem Tisch, der Kaffee heiß in der Kanne, die Zeitungen wohlgeordnet zur Lektüre bereit – ein Bild des morgendlichen Friedens und Ausdruck geradezu unwirklicher Effizienz. Wann, so fragte er sich, hatte sie trotz Sinnestaumel die Zeit und Übersicht für diese Geste häuslicher Gemeinsamkeit gefunden? Er war überwältigt von der Mischung aus Zügellosigkeit und Effizienz, mit der ihm Sabrina begegnete. Spontan kniete er sich im Schlafzimmer vor ihr Bett, weckte sie mit zärtlichen Küssen, servierte Kaffee und Brötchen und erneuerte seine Liebesschwüre, die sie sanft lächelnd und gleichmäßig kauend zur Kenntnis nahm, bevor sie ihm energisch zwischen die Beine fasste.

Nach dem Frühstück stiegen sie Hand in Hand durchs Treppenhaus auf die Straße hinab. Er hatte nur Augen für sie, doch als sie vor ihrem Auto standen, erwies sich seine Nase, wie schon Stunden zuvor, als aufdringlich unbestechliches Organ, und was er nun sah, als er den Blick endlich von seiner Geliebten löste, erfüllte ihn mit Entsetzen. Man muss vorweg erklärend anmerken, dass Gregors eigentliches Zuhause sein Auto war, in dem er mehr Zeit verbrachte als ihm in seiner Wohnung je möglich war. Innerlich und äußerlich war er schon von Berufs wegen ein aufgeräumter Mensch, Vertriebler durch und durch, und sein Auto war der Spiegel seiner Seele. Die wöchentliche Außenwäsche war so obligatorisch wie die Morgendusche und die regelmäßige Tiefenreinigung der Polster so selbstverständlich wie das Anlegen von Anzug und Krawatte.

Als er nun ins Innere von Sabrinas Auto blickte und gewahr wurde, dass sie in der Nacht nicht vor vollen Mülltonnen geparkt hatte, sondern das Auto die volle Mülltonne war, packte ihn Verzweiflung, so schwarz wie die Seele eines elenden Sünders. Wie konnte es sein, dass jene reine Engelsgestalt, die soeben sirrend und kirrend auf den Fahrersitz glitt, mit einer nonchalanten Handbewegung einen Wust aus angebissenen Semmeln, Colabüchsen und Bürounterlagen in den Fußraum kehrte, wo sie neben Käserinden zum Liegen kamen und vollgerotzten Papiertaschentüchern und leeren Plastikverpackungen, deren Inhalt in Herrentoiletten aus Automaten gezogen wird, Gesellschaft leisteten? Wieso vermochte sie es, ohne dass verlegene Röte ihr liebliches Antlitz überzog, aufmunternd auf den Beifahrersitz zu klopfen, was ihm in der aufwirbelnden Staubwolke einen Hustenanfall bescherte, der ihm eine Ahnung von den Smogproblemen in Peking verlieh? War diese Frau vollkommen schamlos? Zweifellos, wie er Stunden zuvor erfahren durfte. Wollte er diesen Strudel der Lust noch einmal genießen? Und bevor er, der nüchterne, stets Pläne umsetzende Vernunftmensch sich mit einem Kopfschütteln schnellen Schrittes davonmachen konnte, schrie es in ihm – oder kam es lauthals heraus? -: Nein, nicht noch einmal, sondern immer wieder und wieder!

Und während seine Gefühle schon jenseits des Kontrollierbaren angekommen schienen, juchtzte Sabrina auf, als sie auf dem Rücksitz, eingebettet in die Reste einer Strumpfhose, eine ihrer Kreditkarten entdeckte. Dann schaute sie ihm hypnotisierend in die Augen und lockte sirenengleich: “Komm, mein Süßer, komm her. Wenn Du mich willst, so musst du mich nehmen wie ich bin.“ Und ihre Hand fuhr zärtlich über seine Hüfte. Er schreckte zurück. Das konnte er nicht, niemals. „Doch mein Süßer, bevor der Tag vergeht, wirst Du ein Auto-Messie sein wie ich es schon seit hundert Jahren bin. Fühl doch nur.“ Mit diesen Worten strich sie ihm vom Kinn über den Hals, und er erschauerte, als er unter der Berührung ihrer Finger die winzige Bisswunde verspürte, die sie ihm auf dem Höhepunkt ihrer Leidenschaft beigebracht hatte.Foto: Ghetty

Quelle: Carmour.de



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