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Sie sind hier: Home » Powerfrauen » Schicksalsstories am 24.08.2017



16.07.2016

Erfolgreich trotz Handicap

Deutschlands erster blinder Fitnesstrainer und Spezialist für Nacken- und Schulterverspannungen

Zielstrebig wandern seine Hände den Oberkörper zum Nacken hinauf. „Entspann Dich und lass die Schultern fallen“, sagt Mulgheta Russom mit sanfter Stimme. Der Druck seiner Hände dagegen ist fest, aber wohltuend. Schnell spürt er selbst die kleinsten Knoten und Verhärtungen der Muskulatur. Geschickt behandelt er diese Stellen und verschafft zügig Linderung. Dass das so ist, hängt mit Mulghetas besonderem Tastsinn zusammen, den der gebürtige Eritreer entwickelt hat, nachdem er im Alter von 20 Jahren nach einem schweren Autounfall sein Augenlicht verlor. Doch nicht nur diesem Tastsinn verdankt er es, dass er nun fast achtzehn Jahre später trotz des Handicaps ein selbstbestimmtes Leben führen kann.

Ein eiserner Wille, jede Menge Disziplin und sein großes Kämpferherz haben ihn zu dem werden lassen, der er heute ist: ein selbstbewusster Mann mit Tiefgang, der als Deutschlands erster blinder Fitnesstrainer und Spezialist für Nacken- und Schulterverspannungen sein Schicksal nicht nur akzeptiert hat, sondern der seine neu entwickelten Fähigkeiten nutzt, um anderen Menschen zu helfen oder Vorbild zu sein.

Vor dem Autounfall führte der lebensfrohe Mann ein ganz normales Leben, das neben seiner Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann in einem Modehaus vor allem vom Sport geprägt war. Mulgheta spielte erfolgreich Fußball auf Landesliga-Ebene. Seinem Sport ordnete er alles unter. Er verzichtete zwar nicht auf Parties, doch Zigaretten, Alkohol und andere Drogen waren für ihn absolut tabu. Sein gesunder Lebensstil sowie der durchtrainierte Körper waren wahrscheinlich der Grund, dass Mulgheta Russom seinen schweren Unfall besser überstand als erwartet. 14 Stunden operierten ihn die Ärzte, setzten sein zerstörtes Gesicht mit Platten und Drähten wieder zusammen. Während dieser Zeit wurde er drei Mal wiederbelebt. Als er nach drei Monaten künstlichem Koma erwachte, widerlegte er sämtliche düsteren Prognosen seiner Ärzte. Mulgheta war weder geistig behindert noch blind. „Erst durch einen Infekt, den ich mir im Krankenhaus holte, habe ich mein Augenlicht verloren“, erzählt Mulgheta Russom ohne jegliche Verbitterung.

Während andere Menschen an diesem Schicksalsschlag vielleicht zerbrochen wären, war dagegen für Mulgheta Russom schnell klar, dass er sich allen Herausforderungen stellen und sein neues Leben selbst in die Hand nehmen würde. Statt aufzugeben, kämpfte er sich zurück in den Alltag außerhalb des Krankenbetts. Sein unaufhörlicher Drang nach Bewegung war für ihn der Hauptmotor. Als er sich fit genug fühlte, besuchte er eine Blindenschule und absolvierte eine Ausbildung zum Korbflechter. Doch das reichte dem jungen Mann noch immer nicht. „Das kann doch nicht alles gewesen sein“, lautet sein Credo, das ihn bis heute immer wieder antreibt, neue Wege zu beschreiten. Er lief schon den Stuttgart-Lauf, wagte einen Fallschirmsprung, stellte sich auf Wasserski, trainierte Weitsprung und Speerwurf und entdeckte schließlich den Blindenfußball für sich. Sowohl als Kapitän und mehrfacher Deutscher Meister seines Bundesliga-Teams MTV Stuttgart als auch als Rekordschütze bei seinen mittlerweile über 50 Einsätzen in der Blinden-Nationalmannschaft beweist Mulgheta Russom immer wieder aufs Neue, dass man selbst mit einem Handicap ausgesprochen erfolgreich sein kann.

Nicht nur die sehr aufrechte Körperhaltung oder seine direkte Art in der gerade für ihn besonders wichtigen Kommunikation zeugen vom großen Selbstbewusstsein Russoms. Auch seine offene Art gegenüber anderen Menschen sowie die Selbstverständlichkeit im Umgang mit seiner Blindheit sprechen für eine starke Persönlichkeit. Mitleid will er nicht, er möchte Respekt und Wertschätzung. Aus diesem Grund lebt er ein ganz normales Leben und legt Wert auf möglichst viel Selbständigkeit. „Seit fünfzehn Jahren bewohne ich meine eigene Wohnung in Stuttgart-Botnang. Mit jemandem zusammenzuleben, das wäre der einfachere Weg“, sagt Russom und lässt keinen Zweifel an seiner Haltung. Putzen, Wäsche waschen, Essen kochen – für Mulgheta Russom ist das kein Problem, sondern eine Selbstverständlichkeit. „Ich erledige sogar die berühmte schwäbische Kehrwoche selbst“, verrät er mit einem schelmischen Grinsen. Selbst seine Kleidung sucht der modebewusste 37-Jährige alleine aus. „Natürlich nehme ich jemanden zum Shoppen mit, lasse mir die Kleidungsstücke genau beschreiben. Es hilft mir, dass ich einmal sehen konnte. So entstehen sofort Schnitte, Stoffe und Farben vor meinem inneren Auge und ich kann mir ein genaues Bild davon machen. Ich lasse mich gerne beraten, doch was ich letztlich kaufe, entscheide ganz alleine ich.“

Fragt man den blinden Sportler nach seinem Gemütszustand, zögert er nicht lange mit seiner Antwort. „Ich bin ein glücklicher und zufriedener Mensch.“  Er hadert nicht mit seinem Schicksal, auch wenn er zugibt, dass es Dinge in seinem Leben gibt, die er vermisst. „Autofahren würde ich gerne wieder einmal. Oder nach der Arbeit einfach die Joggingschuhe anziehen und loslaufen. Diese Spontaneität fehlt mir, denn ich muss immer erst einen Mitläufer organisieren.“ Manchmal hofft er auf ein medizinisches Wunder, das ihm sein Augenlicht zurückgibt. „Ich würde schon gerne eines Tages wieder sehen können. Aber dieser Wunsch beherrscht nicht mein Leben. Es ist, wie es ist. Und es ist gut!“

Wer ihn kennenlernen durfte, glaubt ihm das sofort.

Text: Patricia Leßnerkraus
Foto 1: Carsten Kobow/ DFB-Stiftung Sepp Herberger
Foto 2: Patricia Leßnerkraus
Foto 3: Carsten Kobow/ DFB-Stiftung Sepp Herberger



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