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09.03.2020

Mit Hysterie in die Depression?

Kommentar zur Coronakrise von Thomas Böckelmann, leitender Portfoliomanager der Vermögensmanagement Euroswitch

Fachlich sehr komplexe Einordnungen von Virologen und Medizinern finden kaum Beachtung in einer Zeit, die dem Alarmismus huldigt.

Die Tatsache, dass das menschliche Gehirn seine Probleme mit der Verarbeitung von Wahrscheinlichkeiten hat, erschwert den Umgang mit den minütlich neuen Nachrichten zur Verbreitung von SARS CoV2. Vielmehr wird der Ur-Fluchtinstinkt geweckt, der mittlerweile skurrile Züge annimmt, ob vor dem Supermarktregal oder an den Börsen.

Statt sich sachlich mit den Wahrscheinlichkeiten denkbarer Folgen der Pandemie auseinanderzusetzen, bedienen auch zahllose Experten den Alarmismus, in dem sie von einer Kombination von Angebot- und Nachfrageschock sprechen und eine Finanzkrise 2.0 herbeireden. Es ist vermessen, aus einem mehrwöchigen Produktionsausfall weniger Regionen in China eine dauerhafte globale Angebotskrise herbeizureden. Genauso abenteuerlich ist es, aus einer zeitlich überschaubaren Zwangspause wirtschaftlicher Aktivität einen Nachfrageschock für die Welt abzuleiten.

Natürlich ist es nicht hilfreich, wenn über das Wochenende Saudi-Arabien scheinbar einen Preiskrieg über das Öl eröffnet hat mit dem Ziel, schwächere Anbieter durch deutlich niedrigere Preise aus dem Markt zu drängen. Dieses verschärft die ohnehin vorherrschende Unsicherheit, da diese Maßnahme auch die globalen Kreditmärkte zunehmend in Bedrängnis bringen kann.

Aber – deutlich niedrigere Ölpreise sind auch ein riesiges Konjunkturpaket für die Weltwirtschaft. Verbunden mit zu erwartenden konzertierten Maßnahmenpaketen der Politik sollten sich die negativen Auswirkungen auf die Weltwirtschaft begrenzen lassen. Ein halbes Jahr Rezession bedeutet nicht den Untergang, sondern in der Regel den Neubeginn wirtschaftlicher Aktivität.

Neben niedrigeren Energiepreisen sind die immer weiter sinkenden Zinsen als Treibstoff für die Wirtschaft zu benennen. Diese werden zunehmend eher als Bedrohung aufgrund zu erwartender negativer Nebenwirkungen für das Finanzsystem betrachtet – das scheint langfristig begründet, aktuell aber weniger von Gewicht.

Wer heute früh eine 10-jährige deutsche Staatsanleihe kauft, muss 0,8 % pro Jahr an den deutschen Finanzminister zahlen, dazu addiert sich der inflationsbedingte Kaufkraftverlust von 1,2 %. Über die Laufzeit von 10 Jahren werden sichere 20 % an Kaufkraft des ursprünglichen Anlagebetrages vernichtet. Wer dieses Investment heute tätigt, handelt verantwortungslos.



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