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03.11.2016

Studie: Versicherungskunden nehmen Risiken häufig falsch wahr

Wesentliche und häufig eintretende Risiken werden unterschätzt, weniger wahrscheinliche oft regelrecht dramatisiert – Mehr Rationalität beim Umgang mit Versicherungen gefragt – Versicherungskunden sollten sich auch selbst besser über ihre individuellen Risiken informieren

Viele Menschen sind unsinnig versichert. Und zwar nicht unbedingt in dem Sinn, dass sie über zu viele oder zu wenige Policen verfügen, sondern weil sie sich gegen die falschen Risiken abgesichert haben: elementare wurden vernachlässigt, weniger entscheidende dagegen – möglicherweise sogar mehrfach – abgedeckt. Die individuellen Lebensrisiken des Versicherten spiegeln sich dann nicht in seinen Versicherungen wider. Das kann im schlimmsten Fall existenzbedrohende Auswirkungen nach sich ziehen. Versicherungsberater stellen solche Problemfälle immer wieder fest, wenn sie eine Bestandsaufnahme bei (Neu-)Kunden vornehmen.

Die Ursachen des Phänomens „falsch versichert“ sind häufig fehlerhafte Risikowahrnehmung, -abschätzung und -bewertung seitens des Versicherten. Dies veranlasste die Studiengesellschaft für verbrauchergerechtes Versichern e.V. (Goslar Institut) im Auftrag der HUK-COBURG dazu, diese Zusammenhänge eigens in einer Studie mit dem Titel „Todsicher. Von der Unfähigkeit zur Risikoabschätzung“ untersuchen zu lassen. Als Leiter dieses „Forschungsprojekts zur Fehlwahrnehmung von Alltagsrisiken in der Öffentlichkeit“ konnten die renommierten Wissenschaftler Prof. Dr. Nadine Gatzert vom Lehrstuhl für Versicherungswirtschaft und Risikomanagement an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg und Prof. Horst Müller-Peters vom Institut für Versicherungswesen der Technischen Hochschule Köln gewonnen werden.

Ihre Studie, die jetzt beim aktuellen Goslar Diskurs des Goslar Instituts in Köln erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, macht deutlich, warum uns alltägliche Risiken wie etwa die Fahrt zum Arbeitsplatz weniger Sorgen bereiten als eine Flugreise in den Auslandsurlaub. Dabei ist die statistische Wahrscheinlichkeit, zu Schaden zu kommen, in der ersten Situation, die wir jeden Tag aufs Neue durchleben, sehr viel höher als in der zweiten. Woran liegt diese Fehleinschätzung? Und wie wirkt sich dieses Abweichen von individueller Risikowahrnehmung und tatsächlicher Eintrittswahrscheinlichkeit von Alltagsrisiken auf unser Verständnis von Versicherungen aus?

Wie Prof. Müller-Peters beim Goslar Diskurs erläuterte, spielen uns unsere kognitiven Fähigkeiten, mit denen wir Sinnesreize (Vorgänge) wahrnehmen und verarbeiten, dabei oft schlicht einen Streich. Dazu kommt es insbesondere, wenn komplexe Sachverhalte zu entscheiden sind. Denn unsere kognitiven Fähigkeiten, also Wahrnehmung, Erinnern, Denken und auch der Gebrauch der Sprache, sind nicht so sehr auf langsames, analytisches Denken ausgelegt, sondern eher auf intuitives, schnelles Denken bzw. Entscheiden. „Das ist im Prinzip auch gut so, denn sonst wären wir nicht in der Lage, unseren Alltag mit seinen vielfältigen kleinen Entscheidungssituationen zu meistern“, stellte Prof. Müller-Peters in Köln fest.

So kommt es allerdings auch, dass die subjektive Risikowahrnehmung von Menschen und die objektive Wahrscheinlichkeit, dass eine Gefahr Realität wird, oft mehr oder weniger stark voneinander abweichen. Zudem führen unsere vereinfachten Denk- und Entscheidungsmuster häufig zu vorschnellen Urteilen bis zu krassen Fehleinschätzungen. Dazu trägt ebenfalls bei, dass unsere Wahrnehmung sehr leicht durch externe Faktoren, wie Medienberichte, oder auch persönliche Erfahrungen beeinflusst wird, wie Prof. Müller-Peters verdeutlichte.

Die Folgen solcher „Fehlleistungen“ des Gehirns bestehen häufig ebenfalls darin, dass wir uns gerne selbst überschätzen und vertraute Ereignisse, die riskant sein können, unterschätzen. So geschieht es, dass die Gefahr von Flugreisen in Relation deutlich höher eingestuft wird als die erheblich größeren Risiken des Straßenverkehrs, denen wir tagtäglich ausgesetzt sind. Oder die Autobahn wird als riskanter wahrgenommen als die ungleich höhere Gefährdung auf Landstraßen. Oder kritische Krankheits- bzw. Pflegerisiken werden unterschätzt, nach dem Motto „mich wird es schon nicht treffen“. Aber insbesondere auch die Möglichkeit, in eine rechtliche Auseinandersetzung verwickelt zu werden, wird nach Einschätzung von Prof. Müller-Peters oftmals „dramatisch“ vernachlässigt. „Wir laufen in manche Risiken ziemlich blauäugig hinein“, so das Resümee seiner Untersuchung.

Auf den Versicherungsalltag übertragen bedeuten diese Erkenntnisse über unsere kognitiven „Aussetzer“: Viel zu häufig werden relativ nebensächliche private Risiken abgesichert, während echte Risiken mit erheblich höherer Eintrittswahrscheinlichkeit und größerem Gefährdungspotenzial versicherungsseitig vernachlässigt werden. Zu den vielfach überschätzten Risiken zählen laut der Studie des Goslar Instituts unter anderem Terroranschläge, Gewaltverbrechen, Computerkriminalität oder eben tödliche Verkehrsunfälle. Unterschätzt wird dagegen zum Beispiel das Risiko von Sachschäden mit einem großen Folgepotenzial, wie ein Brand- oder Leitungswasserschaden, die Häufigkeit von Rechtsfällen, sowohl bei zivilen Rechtsstreitigkeiten wie auch die Möglichkeit, unter einen Straftatverdacht zu geraten, sowie das persönliche Risiko, ernsthaft zu erkranken, berufsunfähig bzw. ein Pflegefall zu werden.

Was folgt aus diesen Erkenntnissen? Zum einen, dass der Aufklärungs- und Beratungsbedarf von Versicherungskunden eindeutig höher ist, als viele von ihnen meinen. Das machten die Teilnehmer der Diskussionsrunde beim Goslar Diskurs in Köln sehr deutlich. Deshalb sollte jeder Versicherungsnehmer auf eine möglichst umfassende Beratung, die als unabdingbarer Bestandteil eine individuelle Bestandsaufnahme der persönlichen Lebensumstände und -risiken einschließt, Wert legen. Dazu gehört eine möglichst präzise Abschätzung der eigenen individuellen Risiken. Auf der Basis einer solchen Analyse lässt sich dann belastbar entscheiden, welche Absicherung vonnöten, welche nachrangig und welche überflüssig ist.

„Man sollte unbedingt existenzielle Risiken umfassend absichern“, empfahl Dr. Jörg Rheinländer, Generalbevollmächtigter der HUK-COBURG Versicherungsgruppe. Dabei hob er speziell auf die Folgen ab, die sich etwa aus dem Tod eines Familienernährers oder der Berufsunfähigkeit dieser Person für die von diesem Einkommen abhängigen Menschen ergeben können. Als ebenso wichtig stuft der Versicherungsexperte die private Haftpflichtversicherung ein.

Grundsätzlich gilt demnach vor allem, unvorhersehbare, nicht beeinflussbare und große Schäden abzusichern. Unter diesem Aspekt kann zum Beispiel eine Unfallversicherung gut, eine umfassende Absicherung gegen Berufsunfähigkeit jedoch eindeutig sinnvoller sein. Auch bei der Vorsorge für das Alter tun sich nach Aussage der Experten bei vielen Menschen zum Teil erschreckende Lücken auf.

Um belastbar entscheiden zu können, welche individuellen Risiken welcher Absicherung bedürfen, und um in diesem Zusammenhang zu einer richtigen Risikoabschätzung zu gelangen, sind die Versicherungskunden jedoch auch selbst aufgerufen, sich unabhängig zu informieren, forderten die Teilnehmer des Goslar Diskurs einhellig. Dies kann über einen neutralen Berater geschehen oder etwa über die Internetseite des Bundes der Versicherten (BDV), wie dessen Vorstandssprecher, Axel Kleinlein, in Köln riet. Er bedauerte in dem Zusammenhang, dass es für Verbraucher grundsätzlich schwierig sei, sich über Versicherungen neutral zu informieren. „Wir bräuchten Informationsmedien, die den Verbraucher da ansprechen, wo er Bedarf hat“, sagte Kleinlein. Nach seiner Meinung stellen auch die Vergleichsportale im Internet in dieser Beziehung nicht unbedingt eine verlässliche Hilfe dar, weil sie nicht immer das komplette Angebot abbilden.

Nach Ansicht von Medienexperte Prof. Dr. Volker Wolff hingegen ist das Informationsangebot in den deutschen Medien zu Finanz- und Versicherungsthemen so umfangreich, dass sich Verbraucher darüber ein umfassendes Bild machen können – wenn sie denn wollen. Die hiesigen Medien seien zuverlässige Informationsquellen, betonte Prof. Wolff. Er machte zudem auf eine weitere Form von Fehlbewertung aufmerksam, die für die Vermögensbildung und Altersvorsorge von Bedeutung ist: Die Risiken auf der Geldanlageseite werden oft unter-, die Risiken bei Aktien dagegen überschätzt.

Als drei Tipps für einen realistischeren Umgang mit Risiken empfehlen die Autoren der Studie, zum einen die Abneigung gegenüber Zahlen zu überwinden. Damit meint er, sich vor Entscheidungen ein klares und realistisches Bild von den Größen und Wahrscheinlichkeiten von Risiken zu verschaffen. Zum anderen dürfe man nicht außer Acht lassen, dass viele Risiken jeden treffen können, betonte der Wissenschaftler. Das bedeutet, den eigenen Einfluss auf und die Vorhersehbarkeit von Risiken nicht zu überschätzen. Und drittens müsse man sich vergegenwärtigen, dass Risiken nicht nur andere treffen können, sondern gegebenenfalls auch die eigene Person, und zwar schneller als einem lieb ist, stellte Prof. Müller-Peters fest. Grundsätzlich riet er – unisono mit den anderen Podiumsgästen des aktuellen Goslar Diskurs – zu mehr Rationalität beim Umgang mit Versicherungen. Konkret: Erst neutral informieren, dann sachlich abwägen und vor einer Entscheidung über einen Abschluss möglichst erst noch einmal „eine Nacht darüber schlafen“.

Um Interessenten die Möglichkeit zu geben, die Schärfe der eigenen Risikowahrnehmung zu bestimmen, hat das Goslar Institut mit Unterstützung von Prof. Dr. Gatzert und Prof. Müller-Peters einen Selbsttest entwickelt, der ab sofort unter www.kenn-dein-risiko.de im Internet bereitsteht.



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